Eine Story voller Klischees

Wieder so eine »Night on Earth-Taxifahrt«, dachte ich mir und blickte auf das durch den Sommerregen schimmernde Rot der Ampel an der Piata Romana.
» Storys , die einer schrieb, nachdem er zu oft auf dem Beifahrersitz eines Dacia Logan saß«, wäre kein schlechter Buchtitel.
Bei einer Kilometerpauschale von 1,39 Lei, also so um die 30 Cent, ist das nicht die kostspieligste Art, um an neue Storys zu kommen, vorausgesetzt man trifft nicht ständig auf freakige Taxifahrer, die rhythmisch zwischen Sekundenschlaf-Zuckungen und dem Reiben verkokster Nasenschleimhäute wechseln. Mein heutiger hingegen ist angenehm, spricht sogar deutsch.
»Woher kannst du so gut deutsch«, frage ich ihn.
»Ich habe in Deutschland drei Jahre gelebt. Zunächst in Frankfurt auf den Bau gearbeitet und dann in Schweinfurt.«
»Und wie war es?«
»Ach Deutschland ist Deutschland«, antwortet mein Fahrer mit einem Seufzer.
»Warum Schweinfurt?«
»Großes Gefängnis, für zwei Jahre.«
Ich denke zunächst, er meint damit, dass er am Rohbau eines Gefängnisses mitgearbeitet hat, werde allerdings gleich eines Besseren belehrt.
»Danach wurde ich wegen guter Führung entlassen. War nichts Großes. Nur einige Autos von Frankfurt nach Russland gebracht. Ferrari, BMW, Mercedes. Von den Reichen für die Reichen, sagten wir immer.«
Ich denke mir, das ist scheiße, dass er das jetzt gesagt hat, weil wieder so eine Klischeegeschichte, die du nicht verwerten kannst, ein Rumäne der Autos knackt und wahrscheinlich wird sich Mr. Nein bestimmt auch noch als Gypsy outen. Was das Ganze dann auch noch politisch unkorrekt macht, weil Minderheiten besonders schützenswert, also die angefangene Story in meinem Hirn ist somit völlig für`n Arsch.
»Dann habe ich eine Wohnung gebaut in Frankfurt«, fährt er fort.
»Aber ich sag dir, mit meinem Namen »Nein« hast du nur Ärger bei den Behörden.«
Ich blicke auf die leeren Kaffeebecher in der Zwischenablage und frage ihn, warum er nun in Bukarest wieder Taxi fährt.
»Ich bin Zigeuner und das ist mein Land« ist seine kurze Antwort.
Fuck, denke ich mir, das musste ja kommen, noch schlimmer, er nennt sich selbst Zigeuner, während das aus deutscher Perspektive literarisch höchstens in Anführungszeichen funktioniert. Mr. Nein hat damit kein Problem, also versteht mein Problem gar nicht, als ich ihn darüber in Kenntnis setze, dass es seiner Eigenbezeichnung an politcal correctness fehlt. Warum soll er sich an Zigeuner stören? Womöglich ein deutsches Problem.
»Warum baust du eine Wohnung in Frankfurt? Ist scheißteuer.«
»Für die Kinder. Sie wollen vielleicht nach Deutschland.«
Ich denke mir, dass man mit der Asche auch hier ganz gut was hätte bauen können und es erscheint mir nicht logisch, warum die Kinder Frankfurt bevorzugen sollten.
»Was machst du in Bukarest?«, fragt er mich.
Ich antworte ihm, dass ich hier eine deutsche Bäckerei mitaufbaue.
Er lacht und klopft dabei aufs Lenkrad.
»Was!!! Die Deutschen kommen zum Arbeiten nach Rumänien. How crazy! Wer macht denn sowas.«
Da Bukarest die Stadt der fetten Autos ist, kommt mir mein Job auch nicht ungewöhnlicher vor, als sein vorheriger, noch dazu, wo hier das mieseste Brot seit Menschengedenken gebacken wird, also ich meinen Job sogar als Kriseninterventionsprogramm bezeichnen würde.
Wir erreichen meine Straße in Aviatiei und zwängen uns an einem Audi X7 unweit meiner Wohnung vorbei.
»Aici! Hier!«
Er stoppt den Dacia und drückt auf den Taxameter.
Knapp 10 Lei. Der normale Preis für die Strecke.
Ein autoschiebender Zigeuner, der beim Taxifahren nicht bescheißt. Die Story ist endgültig für die Tonne. Die Welt ist wohl niemals eindeutig. Sie taugt weder zum Klischee noch zum Anti-Klischee. Ich zeige mit meinem Finger auf den Audi hinter uns und schüttele mit dem Kopf.
»Crazy Zigeuner. Zum Autoklauen nach Deutschland. Wer macht denn sowas.«
Er schaut mich entgeistert an.
»Du bist ein merkwürdiger Deutscher! Noapte Buna!«
»Noapte Buna, Domnul Nein«

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