ET IN ARCADIA EGO

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Wenn man der Straße von Vytina Richtung Norden zur Küste folgt, erscheint eingerahmt zwischen dem Mount Erymanthos im Westen und dem Mount Helmos im Osten irgendwann auf halben Weg das Städtchen Kalavryta. Nach drei Tagen Arkadien mit seinen bukolischen, nach Sonne, Thymian und Oregano duftenden Landschaften und Wanderungen durch menschenleeren Felsschluchten, mit uralten Klöstern in schwindelnder Höhe, wie Schwalbennester dicht an Felswänden über den eisigen Wassern des Gebirgsstroms Lousios thronend, der sich in träumerischen Mittagsstunde, von Nymphen und Nereiden bevölkert, scheu mit feinen Nebelschwaden verhüllte. Wir querten noch traumverhangen den Traghos und befanden uns bereits in Achaia im Grenzland zur realen Welt, aber nach Kalavryta war kein gemächliches Erwachen mehr möglich. Wie die Hirten in Giovanni Francesco Barbieris berühmten Stillleben »Et in Arcadia Ego« stießen wir unvermittelt auf den Tod. Sogar hier an diesen Nirgendorten, die nur auf mythologischen Landkarten zu finden sind, in diesen Landschaften, in der jeder Berg, jeder Fluss immer etwas anderes ist als nur ein Fluss oder Berg, immer auch noch das Erbe von Jahrtausenden in sich trägt, war er mächtig durch Menschenhand. Paliopigado – den alten Brunnen – nennen die Einheimischen diesen Berg, der sich direkt neben der Straße oberhalb des Dorfes erhebt.

Als ich den Eingang von der Straße aus erblickte, muss ich ­– gedanklich immer noch in Arkadien – das große Kreuz darüber aus meiner Wahrnehmung ausgeblendet haben, auch die riesigen errichteten Steinstelen, durch die man nach Westen bis zum Mount Erythomos blicken kann, tauchen erst später in meiner Wahrnehmung auf. Ich dachte zunächst an ein mykenisches Tholosgrab, wie man es weiter südlich in Peristeria bewundern kann und steuerte den Parkplatz an. Noch bevor ich die neben dem Eingang geschriebenen Worte OXI PIA POLEMOI als Nie mehr Krieg entzifferte und die in den Felsen gehauene Kammer mit den mehr als 1300 Öllampen betrat, spürte ich diese unglaubliche Trauer, die dieser Ort auch heute noch ausstrahlt und der man sich nicht entziehen kann. Innerhalb weniger Sekunden verfloss Arkadien, das Zirpen der Zikaden, der Geruch der Bergkräuter nach dem Mittagsregen, das Rauschen der Wasserfälle, alle Empfindung wich vor diesem Ort zurück und Persephone übernahm die Herrschaft von Apoll und Pan. Es war ein von Deutschen im Winter 1943 erschaffener Tartaros, eine Vergeltungsaktion für Partisanenangriffe. Ein Massaker, dem fast alle männliche Bewohner im Maschinengewehrfeuer zum Opfer fielen. Man findet auf den örtlichen Friedhof kein Kreuz ohne das Datum 13.12.1943.

Für Deutschland ist dieses Kapitel abgehakt oder besser nie aufgeschlagen worden. Es ging mit rechten Dingen zu, meinte das Amtsgericht Bochum noch 1974: Dass die ergriffenen Repressalien damals in einem unangemessenen Verhältnis zu den vorausgegangenen Völkerrechtsverletzungen standen, haben die Ermittlungen nicht ergeben … In dieser Situation waren Repressalien notwendig und auch zulässige völkerrechtliche Mittel.“

Die Spuren bleiben bei den Opfern und durchziehen die Generationen bis heute.

»Krieg sind die bitteren Erinnerungen, derer die gegangen sind, wenn sie aufrecht stehend vor den Läufen des Hasses leuchtend in ihrer Brust die Sonne der Freiheit haben«, schreibt die Schülerin Angeliki Floraki in ihrem Gedicht »Krieg Kalavryta1 im Jahre 2003.

Es ist kein direktes Gefühl der Schuld, dass man, der man jenseits seiner zufälligen Nationalität schon immer als Dichter und Träumer mehr in diesem utopischen Arkadien, in den Weiten der Poesie und Sprache, denn in Deutschland siedelte, empfindet. Auch kein Vorwurf, den man in den Gesichtern der Bewohner lesen könnte und dennoch, plötzlich vertrieben aus diesem Paradies, nicht nur einige Kilometer, sondern Lichtjahre fern von Arkadien, zurückgeschleudert in die Welt der Historie, der Grenzen, des Todes, dämpft man unwillkürlich die Stimme beim Gang durch die touristische Innenstadt und als der Buchhändler fragt, woher man kommt, wälzen sich die elf Buchstaben wie Steine durch meinen Mund.

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1 Zitiert nach Panos Nikolaidis: Ein Überlebender erzählt… , Kalavryta 2010.

Reise durch den negativen Anarchismus

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Bukarest Aeroportul Henri Coandă nach Nürnberg Albrecht-Dürer, zwei Stunden mit Wizz Air, einer ungarischen Low-Cost-Airline, die vor allem die Ziele der Arbeitsmigration in Europa bedient und die nichtexistente Beinfreiheit lässt Assoziationen aufkommen mit irgendwelchen Kähnen und Seelenfängern, die in anderen Jahrhunderten voller Träume Amerika ansteuerten. Man kommt irgendwie an und der Polizist bei der Passkontrolle meint auf das »Grüß Gott!« nur:«Ich erschrick ja scho, wenn jemand deutsch spricht, aber »Grüß Gott« geht in Herzinfarktsnähe.«
Nach 50 Kilometern Landstraße, für die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Fränkische Schweiz hätte ich eine Woche Urlaub einplanen müssen, steht man wieder in diesem Gemisch aus Erinnerung und Gegenwart, in dieser Hauptstraße der Kindheit und schaut auf die leeren Fenster, die in der Erinnerung noch belebt sind, läuft vorbei an der Metzgerei, wo man als Kind oft bei Wienern und Spezi saß, weil der Onkel halt nicht nur Metzgermeister, sondern auch Pate war und deshalb auch zur Einschulung in der Schultüte, die man vor der Klasse geöffnet hat, eine große Gelbwurst zuoberst; was ja ein naheliegendes Geschenk ist für einen Metzger, aber als Erstklässer ist man dann doch a wenig überrascht, dass in der Schultüte ne Wurst liegt, weil bei den anderen Kindern war das anders.
Man wandert, den Skulpturenweg an der Wiesent entlang und betrachtet die eifrigen städtebaulichen Aktivitäten zur 700 Jahrfeier der Stadtrechte. Man ist erstaunt, mit welchem Selbstbewusstsein man eine Landschaft, die die Romantiker beflügelte und zu Gedichten inspirierte, verunstalten kann. Betonstellen von 1,50 Meter zieren den malerischen Weg am Fluss entlang. Auf den Betonstellen kleine kunterbunte Gefäße von vielleicht 30 Zentimetern, die dann so etwas wie Kunst darstellen sollen. Diese Landschaft braucht keine moderne Kunst, möchte man den Verantwortlichen für diesen Unsinn zurufen, denn diese Landschaft ist Kunst auch ohne menschliches Zutun. Wer moderne Kunst sehen will, reist gewiss nicht in die Fränkische Schweiz, sondern dorthin, wo man sich damit auskennt.  Und auf Schritt und Tritt begegnet einem dieser fränkische Minderwertigkeitskomplex. Ich sah sogar Bierwanderer mit  Dosenbier, nach dem Motto: „Wir wandern durch die brauereireichste Gegend und trinken dabei die Brühe von Heineken, weil sonst könnte man die Gesamtschönheit gar nicht mehr aushalten.“
Michael Sailer, der Münchner Schriftsteller hat das mal als negativen Anarchismus der Franken bezeichnet, die sich auch an merkwürdigen Mehrzweckhallen, die den Burgblick verdecken oder ohne Not zubetonierten Biergärten zeigt. »Mir könnten eigentlich a total schönes Leben hom, mit unserer Einstellung, so wie wir leben. Aber wir nutzen diese Einstellung und diese Freiheit, die mer uns selbst verschafft haben, dazu, die Welt um uns herum kaputtzumachen.«
Ein langjähriger Freund erzählt mir, dass man nun in einem alten Brauhaus, gegenüber einer der besten Kleinbrauereien der Region, eine Erlebnisgastronomie mit einer großen Industriebrauerei errichten möchte. Mir schaudert es bei dem Zusammendenken von Fränkischer Schweiz und Erlebnisgastronomie. Das klingt nach einem Freizeitpark Geiselwind für Biertrinker. Man hat praktisch das beste Bier, aber karrt dann irgendeine Plärre an.
Aber ist es nicht so, dass man das eben gerade nicht will – ich sehe mich mit meinen sporadischen Besuchen eher als Tourist denn als Einheimischer – dieses gezwungene Erlebnis? Ist nicht die Welt voller Events und Erlebnisse, die man punktuell abrufen kann. Eine einzige Erlebnis-App. Liegt das größere Erleben nicht in der Abwesenheit eines gezielten Erlebnisses, in der Natürlichkeit, die sich diese Region in vielen Teilen bewahrt hat. In dieser Bodenständigkeit, wie man sie noch in Brauereigaststätten wie dem »Held-Bräu« in Oberailsfeld vorfindet, wo die Bedienung den neuankommenden Gästen, die ratlos in der vollen Gaststube stehen, einfach zuruft: »Na dann ruggts hald a weng z`samm!« und schon  sitzt man zusammen im Gespräch untereinander
Im Ellertal einige Kilometer weiter haben sie sich den Marketing-Slogan ausgedacht »Die Toscana Frankens« und ein anderer Freund aus dieser Region fragt mich zurecht, ob wohl auch die Toscana sich auf ein Marketing »Das Franken der Toscana« einlassen würde. Mit Gewissheit nicht, denn sie sind sich dem natürlichen Reichtum ihrer Region gewiss, aber langweiliger wäre es dann auch, weil wer braucht schon eine zweite Toscana, dann lieber doch mit Kafkas „Es muss alles immer noch schlechter werden, damit es gut wird!“ mutig voran. Bast scho!

Grenzlinien

Grenzlinien

Waren wir je größere Zerstörer, als da, als die Liebe von uns Besitz ergriff?

Zu lieben heißt zu selektieren,

heißt einer Welt den Vorrang geben

heißt letztendlich an der Rampe zu stehen und zu entscheiden

Wie viele Welten blieben ungelebt, als wir das Gefühl, noch flüssig, an der Schwelle der Unsagbarkeit, zu Worten gossen, um uns der Vielstimmigkeit zu entledigen.

Wir gossen es in ein »Ich« und ein »dich« – den goldenen Gitterstäben im Honeymoon der Identität.

Und dennoch versuchen der Freiheit nicht dauerhaft abhandenzukommen

Die erkalteten Worte immer wieder zerschlagen

An den Grenzen der Sprache keine dauerhaften Reiche errichten

An der Zeitachse dem Imperialismus der Gefühle widerstehen,

der mit Nostalgie und Sehnsucht nach beiden Seiten okkupiert

Ein »Ich lieb dich nicht« – ins Zwischenspiel der Küsse gehaucht – kann ein Zeichen von tiefer Zuneigung sein.

Denn »Ich liebe dich«, heißt nicht »Ich liebe dich«, heißt viel mehr »Ich projiziere dich in die Ewigkeit«, um den von Göttern gereinigten Abgrund der Unendlichkeit mit deinem Abbild zu bedecken

Doch Nicht-Orte lassen sich nicht verorten

Es gibt keine Möglichkeit Heim und Ferne zu versöhnen, ohne zu erstarren; zu erstarren wie das vielfache »Ich« und »dich«, diese zertrümmerten Epitaphen in der Erinnerung, die man manchmal aufsucht, nicht aus Todessehnsucht, sondern um die Spannung des Augenblicks zu erhöhen, so wie man sich dem Anblick moosbewachsener Engel und halbverwitterter Namenszüge an Friedhofalleen auch an Sonnentagen hingibt, um sich selbst vor Gleichgültigkeit zu bewahren.

Skeptisch bleiben

Skeptisch bleiben

Nach vier Tagen Abstinenz fing ich wieder mit dem Qualmen an. Die erste Kippe ging ganz klar auf die angegraute Postfrau in ihrem schäbigen Kabuff, zwischen Kreuzworträtselheften eingekeilt, deren Weigerung mir meine lebensnotwendige Büchersendung auszuhändigen, nur weil mein Personalausweis abgelaufen war, mich aber sowas von in Rage versetzte.

Klar, das Bild im Perso war nicht mehr taufrisch, aber auch nicht so unheimlich, dass man bei dessen Anblick gleich kreuzzeichenschlagend zusammenzucken muss, als sei einen der Leibhaftige persönlich begegnet. Ich entsinne mich, auch zu dieser Zeit von einigen weiblichen Wesen umgeben gewesen zu sein. Contenance, Madame Postfrau! Wir befinden uns immerhin im Land des Grafen.

Und so klang auch ihr triumphierendes »Expirat! Expirat!«, »Abgelaufen! Abgelaufen!«, wie eine Rechtfertigung, dass es hier ja nicht mit rechten Dingen zugehen könnte.

Bist du mal der Ausländer mit miesen Sprachkenntnissen und einem nicht ganz seriösen Perso, sind die Sympathien der Schlange hinter dir nicht unbedingt auf deiner Seite. Wobei die Schlange hinter dir in allen Ländern dieser Welt nichts mehr hasst als philosophische Diskussionen, soviel ist gewiss. Nette Erfahrung, muss nicht jeden Tag sein, aber nett.

Ich versuchte der Dame in einen Mix aus drei Sprachen klar zu machen, dass es bei diesem Buch, welches sie mir nicht aushändigen wollte, es sich um Emil Ciorans »Lehre vom Zerfall« handelte und, dass es quasi kraft des Titels schon erlaubt sein müsse, dieses Buch mit dem abgehalftertsten Staatsbürgerschaftsdokument abzuholen, dessen man überhaupt habhaft werden könnte, weil verdammt nochmal »Zerfall!«, aber sie rief nur »Expirat!«, »Expirat!« und ich rief »Decay! Decay!« wie in einem musikalischen Antiphon und sie drückte meine Büchersendung fest an ihren Busen und ich drückte meine Stirn fest gegen die Glasscheibe immer wieder »Zerfall« rufend, bis mich jemand wegzog und an die Straße brachte, so dass mir nichts anderes übrig blieb, als in meine Wohnung zu eilen und Cioran mit einem neuen Reisepass auszulösen, denn dort konnte er ja unmöglich bleiben.

Ach ja, die anderen 43 Kippen des Abends gehen ganz klar auf Cioran. So ein skeptisches Arschloch. Unmöglich nicht zu rauchen. Ich dachte eigentlich für 72 Stunden, das war ‘s dann mit dem Rauchen. Bleiben wir skeptisch in Bezug auf unsere Prognosen.

Es ist nicht leicht neue Fremde zu finden

Es ist nicht leicht, neue Fremde zu finden.
Eine Stadt, ein Landstrich, ein Mensch,
Durch Vertrautheit schon fast unsichtbar, selbstverständlich geworden
Seiner und meiner enthoben.
Wie schön er war, als wir ihn das erste Mal zu Gesicht bekamen.
Wie leuchtend die Farben der Stadt, bevor wir ihr nahe traten,
Sie nach und nach mit Gewohnheit schändeten – Straße um Straße.
Dieser Landstrich noch bevor Worte geboren wurden
In eben jenem Moment,
Der dem Denken als Schweigen vorausgeht,
Unheimlich und eigen.
Lass uns Unvertraute bleiben,
Denn es ist nicht leicht, neue Fremde zu finden.

Niemals der zu sein, den man dir glauben machen will, dass du es seiest
»ich bin nicht Stiller«, schrieb ein Bildhauer in seiner Zelle
»Je suis un autre«, schrieb ein anderer bevor er Waffenhändler wurde
Ist man noch der Liebende, der Geliebte, wenn die gorgonischen Abbilder sich aufdrängen und Leben zum Erlebten erstarren lassen?
Niemals der zu sein, den du dir glauben machen willst, dass du es seiest
»Als das Kind Kind war, wußte es nicht, daß es Kind war«
Die Lust des ewig Reisenden erwächst aus dem Vorübergehen
Trage deine Welten im Brautschleier zu Grabe ohne sie ein weiteres Mal zu ficken
Sei deine eigene Antithese
Sei die namenlose Dunkelheit zwischen deinen verglimmenden Sternen
Sei die Negation aller Identität und ihre Wiederkehr
Sei das Ende der Sprache und ihr Anbeginn
Werde ohne Vorstellung